Umwelt- und Klimaschutzinitiativen für ein Umdenken in der Mainzer Energiepolitik
Mainz, 28.07.2026. Die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW) plant den Bau zweier neuer Gaskraftwerke auf der Ingelheimer Aue. Jetzt wurde auch die Genehmigung für das Gasmotorenkraftwerk erteilt. Eine Reihe von Umwelt- und Klimaschutzinitiativen appellieren an die Stadt und die KMW, die Investitionsentscheidung im Rahmen eines Moratoriums nochmals zu überdenken und angesichts der rasanten Erderhitzung klimaneutrale Alternativen zu entwickeln.
Gemäß der betreffenden Verwaltungsvorschrift werden Klimaschutzbelange nicht geprüft, sofern Anlagen, wie in diesem Fall, dem Europäischen Emissionshandel unterliegen. „Wenn die formalen Anforderungen erfüllt sind, ist die Genehmigung folgerichtig“, sagt Birgit Eickeler von Greenpeace Mainz-Wiesbaden. „Eine Genehmigung bedeutet jedoch nicht, dass gebaut werden muss. Wir halten den Bau neuer Gaskraftwerke auf der Ingelheimer Aue für falsch“, so Birgit Eickeler weiter.
Hohe wirtschaftliche und sicherheitspolitische Risiken
Die Kritiker sehen den Betrieb fossiler Kraftwerke als grundsätzlich mit erheblichen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Unsicherheiten verbunden. „Die Verstromung von Gas ist laut einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts ISE dreimal so teuer wie Strom aus Photovoltaik und Wind“, erklärt Edith Heller von MainzZero. „Die Preise können zusätzlich durch internationale Konflikte steigen, wie wir aktuell durch die Sperrung der Straße von Hormus erleben — ein großes Problem sowohl für Privathaushalte als auch die Wirtschaft“, betont Wolfgang Schöllhammer von Parents for Future Mainz. Er weist auf ein weiteres Problem hin: „Fossile Lieferketten machen uns sehr verwundbar. Wir beziehen über 40 % unseres Gases über Pipelines aus Norwegen. Wie anfällig eine solche Versorgung ist, hat uns 2022 die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines gezeigt. Was in der Vergangenheit als schwer vorstellbar galt, ist heute Realität.“
Notstromversorgung ja — aber nicht für mehrere Monate
Nach Angaben der KMW wird das neue Gasmotorenkraftwerk vor allem mit der Notstromversorgung für das im Bau befindliche Rechenzentrum (ebenfalls zur Hälfte von den KMW betrieben) begründet. Das entspräche weniger als 13 Minuten pro Jahr –das war zumindest die durchschnittliche Zeitdauer der Nichtverfügbarkeit von Elektrizität in den Jahren 2023 und 2024. Demgegenüber werden laut KMW 2.500 Betriebsstunden pro Jahr veranschlagt. Hierfür werden wirtschaftliche Gründe genannt. Auch die Begründung, das neue Gasmotorenkraftwerk habe einen besseren Wirkungsgrad als die bestehenden, wird hinterfragt. Prof. Friedhelm Schönfeld von den Scientists for Future: „Der Wirkungsgrad des geplanten Gasmotorenkraftwerks liegt auf ähnlichem Niveau wie der älterer Gaskraftwerke. Die Technik ist etabliert und alt – um nicht zu sagen fossil. Es gibt kein großes Potenzial für Effizienzsprünge. Und beim Verbrennen von Erdgas entsteht nun mal CO2.“
Jetzt gemeinsam handeln
Die Hitzerekorde von über 40 °C sowie Rheinwassertemperaturen von knapp unter 30 °C, wie im Juni 2026, können aufgrund der sich beschleunigenden Erderwärmung das neue Normal werden. Damit gehen Hitzetote, Waldbrände, Überschwemmungen, Dürren und Nahrungsmittelverknappungen einher. „Wie viel Gas und Öl wir heute verbrennen, bestimmt unser Klima von morgen. Dies gilt insbesondere für Gaskraftwerke, da sie in der Regel 30 bis 40 Jahre am Netz sind“, so Maren Goschke vom BUND. Die Bedeutung der Klimaneutralität war dem Stadtrat 2022 klar, als er beschloss, dass die Stadt Mainz bis 2035 klimaneutral werden will – und damit ein Handlungsauftrag für die Stadtverwaltung, die KMW und den Oberbürgermeister vorgab. „Wir wünschen uns, dass die wichtigsten Stakeholder gemeinsam optimale und klimaneutrale Lösungen erarbeiten“, so PD Dr. Ulrich Wahlmann von den Scientists for Future. Gespräche zwischen den Scientists for Future Mainz/Wiesbaden und der KMW haben bereits stattgefunden, weitere sind geplant. Ferner betont Wahmann: „Ein Baubeginn des Gasmotorenkraftwerks würde diesen Dialog jedoch torpedieren. Sobald Tatsachen geschaffen sind, wäre ein weiterer Dialog nur noch ein Feigenblatt.“
Edith Wittenbrink von den Christians for Future ergänzt: „Wir werden uns mit Petitionen und weiteren demokratischen Mitteln für eine ehrliche, klimafreundliche und risikoarme Energiepolitik einsetzen. Dabei erfahren wir bereits eine breite Unterstützung aus unterschiedlichen politischen Richtungen.“ Guido Dahm vom Landesverband Solarenergie Rheinland-Pfalz (LSE RLP) hebt hervor: „Auch viele Bürger:innen haben Einfluss, denn sie können ihren Energieversorger frei wählen.“ Und weiter: „Der Ausbau erneuerbarer Energien in Kombination mit Batterien und intelligenten Energiesystemen ermöglicht eine kostengünstige und sichere Versorgung.“ Die Initiativen verweisen in diesem Zusammenhang z. B. auf Bacharach. Dort ist hierfür ein Batteriespeicher geplant, mit fast 20-facher Leistung im Vergleich zu der von der KMW geplanten Batterie. Die Entwicklung von Batteriespeichern ist zudem rasant: Sie werden sehr schnell preiswerter und gleichzeitig leistungsstärker. Zudem können Batterien netzdienlich eingesetzt werden, was auch ihre Rentabilität erhöht: Sie können – im Gegensatz zu Gaskraftwerken – Stromspitzen abfangen und so das Stromnetz stabilisieren.
Bezüglich des geplanten Gasmotorenkraftwerks wurde dem Antrag auf vorzeitigen Baubeginn bereits Anfang des Jahres stattgegeben. Umso eindringlicher ist der Appell der Verbände und Initiativen: „Es ist noch nichts endgültig entschieden. Ein Moratorium würde allen Beteiligten Zeit geben, technologische Entwicklungen, wirtschaftliche Risiken und klimafreundliche Alternativen sorgfältig abzuwägen, ggf. auch bezüglich getrennter Lösungen für echten Notstrombedarf sowie preiswerter, verlässlicher Erneuerbarer Energien. Gerade bei dieser wichtigen Infrastrukturmaßnahme mit einer solchen Tragweite und einer Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten sollte die bestmögliche Lösung das Ziel sein – nicht die schnellste“, so Dan Etschmann von den den Scientists for Future.
Die Pressmitteilung vom 28. Juli 2026 als PDF-Datei